Stoßwelle bei Sehnenschmerzen: Bringt das was?
„Meine Sehne tut seit Monaten weh. Hilft mir eine Stoßwelle?“ Das fragen uns viele. Unsere Gegenfrage: Was braucht die Sehne eigentlich, um wieder belastbar zu werden?
Von Dr. med. Thomas Hubrich und Dr. rer. med. Florian Beaudouin
Die Frage
„Meine Ferse schmerzt bei jedem Schritt, seit einem halben Jahr. Ich habe mich geschont, Einlagen probiert, Dehnübungen gemacht. Jetzt hat mir jemand die Stoßwelle empfohlen. Bringt das was?“
So oder ähnlich hören wir es oft, auch bei Schmerzen an Schulter, Ellenbogen, Knie oder Hüfte.
Unsere Gegenfrage: Hilft Schonung der Sehne?
Viele gehen davon aus, dass eine schmerzende Sehne vor allem Ruhe braucht. Kurzfristig stimmt das manchmal. Auf Dauer wird eine geschonte Sehne aber nicht stärker, sondern empfindlicher. Sehnen passen sich an Belastung an, und zwar in beide Richtungen.
Zu wenig, zu viel, richtig dosiert
Sehnenschmerzen entstehen oft dann, wenn die Belastung nicht zur Belastbarkeit passt:
- Unterlast: Wochen ohne Sport, viel Sitzen, Schonung nach einer Verletzung. Die Sehne verliert an Belastbarkeit.
- Überlast: Danach plötzlich viel auf einmal, etwa der erste lange Lauf, ein Umzug, ein Wochenende im Garten. Die Sehne ist darauf nicht vorbereitet und reagiert mit Schmerz.
- Richtig dosiert: Belastung, die die Sehne fordert, ohne sie zu überfordern, und die Schritt für Schritt steigt. Darauf reagiert das Gewebe mit Anpassung.
Genau hier setzt die Stoßwelle an. Sie ist ein mechanischer Reiz von außen. Ein Gerät erzeugt kurze, kräftige Druckimpulse, die durch die Haut ins erkrankte Gewebe laufen. Fachleute sprechen von Mechanotransduktion: Zellen reagieren auf den Druck und setzen Botenstoffe frei. Dadurch kann die Durchblutung zunehmen, und chronische Entzündungsvorgänge können beeinflusst werden. Ersetzen kann die Stoßwelle das Training nicht. Sie kann ein zusätzlicher Baustein sein, wenn Übungen allein nicht ausreichen.
„Unser Ziel ist, die Bordmittel Ihres Körpers zu nutzen: Gewebe passt sich an Belastung an, wenn sie richtig dosiert ist. Darauf bauen wir die Behandlung auf.“
Dr. Thomas Hubrich
Was ist wahrscheinlich?
Wie gut die Stoßwelle hilft, hängt von der Beschwerde ab.
- Fersenschmerz (Plantarfasziitis, oft mit Fersensporn): am besten untersucht. Nach Einschätzung des Gemeinsamen Bundesausschusses kann die Stoßwelle hier dazu beitragen, eine Operation zu vermeiden.
- Kalkschulter: In Vergleichsstudien mit Scheinbehandlung besserten sich Schmerzen und Schulterfunktion, vor allem mit der fokussierten Stoßwelle bei höherer Energie. Kalkdepots können kleiner werden oder sich auflösen, aber nicht bei allen. Die Fachgesellschaft DIGEST empfiehlt die Methode bei der Kalkschulter.
- Tennisellenbogen: Hier steht das Krafttraining der Unterarmmuskeln an erster Stelle, so empfiehlt es die Leitlinie. Die Stoßwelle wird meist ergänzend eingesetzt.
- Weitere Anwendungen: Schmerzen an der Kniescheibensehne, Sehnenschmerzen an der Hüfte, nicht zusammengewachsene Knochenbrüche (Pseudarthrose) und Ermüdungsbrüche zählen die Fachgesellschaften DIGEST und ISMST zu den Standardanwendungen. Bei Golferellenbogen, Muskelschmerzen oder Knochenmarködem ist die Datenlage schmaler.
Wie stark die Beschwerden nachlassen, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine Besserung zeigt sich oft erst nach Wochen, manchmal nach etwa drei Monaten.
Selbst tun, abwarten oder kommen?
Das können Sie selbst tun: in Bewegung bleiben, statt die Sehne ganz stillzulegen. Belastung so dosieren, dass der Schmerz währenddessen erträglich bleibt und am nächsten Morgen nicht deutlich stärker ist. Plötzliche Belastungsspitzen vermeiden und Übungen langsam steigern.
Abwarten können Sie, wenn die Beschwerden erst seit einigen Wochen bestehen und mit angepasster Belastung langsam besser werden.
Kommen Sie zu uns, wenn die Schmerzen trotz Übungen über Monate bleiben oder Sie im Alltag deutlich einschränken. Rasch ärztlich abklären lassen sollten Sie es nach einem Sturz oder Unfall, bei plötzlichem Kraftverlust, starker Schwellung, Rötung mit Fieber oder Schmerzen, die nachts und in Ruhe zunehmen.
Wenn es die Stoßwelle wird: das Wichtigste
Ablauf: Am Anfang stehen ärztliches Gespräch, Untersuchung und meist Ultraschall oder Röntgen. Eine Sitzung dauert etwa 15 Minuten, ambulant. Üblich sind drei bis sechs Sitzungen, je nach Beschwerde und Schweregrad, meist im Abstand von ein bis zwei Wochen. Leichte bis mäßige Schmerzen während der Behandlung sind üblich; eine Betäubung brauchen Sie bei Sehnenbeschwerden in der Regel nicht.
Fokussiert oder radial: Die fokussierte Stoßwelle bündelt ihre Energie in der Tiefe und erreicht Kalkdepots oder Knochen. Die radiale Welle entsteht am Therapiekopf auf der Haut, ihre Energie nimmt mit der Tiefe ab; sie wird vor allem bei oberflächennahen Sehnen und Muskeln eingesetzt. Bei Sehnen genügt meist niedrige Energie.
Danach: Alltag und Beruf gehen meist weiter wie gewohnt, Schonung ist in der Regel nicht nötig. Wir empfehlen ergänzende Übungen und eine Belastung, die sich am Schmerz orientiert. Sportlich überlasten sollten Sie die behandelte Sehne in den Tagen danach nicht.
Nebenwirkungen: Häufig sind vorübergehende Schmerzen, Hautrötungen, kleine Einblutungen oder Blutergüsse. Selten wurden Schwellungen in der Sehne oder Sehnenrisse beobachtet, vor allem bei vorgeschädigten Sehnen.
Wann nicht behandelt wird: wenn im Behandlungsbereich ein bösartiger Tumor, ein ungeborenes Kind oder ein Herzschrittmacher liegt. Für hohe Energie gelten weitere Grenzen, etwa Lungengewebe im Behandlungsbereich oder eine erhebliche Gerinnungsstörung. Nehmen Sie blutverdünnende Medikamente, sprechen Sie uns vorher darauf an. Ihre persönlichen Risiken besprechen wir im Aufklärungsgespräch.
Kosten: Gesetzlich Versicherte bekommen die Stoßwelle nur bei Fersenschmerz durch eine Plantarfasziitis bezahlt (Beschluss des G-BA 2018): wenn die Beschwerden seit mindestens sechs Monaten bestehen und Schonung, Dehnübungen und Einlagen nicht ausreichend geholfen haben, bis zu drei Sitzungen je Fuß.* Sonst ist sie für gesetzlich Versicherte in der Regel eine Selbstzahlerleistung (IGeL). Privat Versicherte klären die Erstattung mit ihrer Versicherung.
* Wichtig für die Kostenübernahme: Nach den Abrechnungsregeln für Kassenpraxen (EBM, Gebührenordnungsposition 30440) gelten die sechs Monate nur dann als nachgewiesen, wenn Sie in jedem der beiden Quartale vor dem Behandlungsquartal mindestens einmal wegen der Plantarfasziitis ärztlich behandelt wurden, bei uns oder in einer anderen Praxis. Diese Behandlung muss jeweils mit der Diagnose Plantarfasziitis dokumentiert sein (ICD-10 M72.2). Eine andere Diagnose, etwa „Fersensporn“, oder Beschwerden ohne dokumentierten Arztbesuch reichen dafür nicht. Waren Sie in einer anderen Praxis in Behandlung, fragen wir dort mit Ihrem Einverständnis nach oder bitten Sie um einen Nachweis. Fehlt er, dürfen wir die Stoßwelle nicht über die Krankenkasse abrechnen, auch wenn die Beschwerden schon länger bestehen. Diese Voraussetzung ist vielen nicht bekannt.
Unsere Antwort
Bringt die Stoßwelle was? Bei manchen Beschwerden ja, besonders am Fersenschmerz und an der Kalkschulter, und am besten zusammen mit richtig dosierter Belastung. Ob sie in Ihrem Fall passt, klärt die Untersuchung. In unserer Praxis gilt „Regeneration vor Operation“: Zuerst prüfen wir Wege ohne Operation.
Wenn sich Gewebe an richtig dosierte Belastung anpasst: Wieso machen wir das dann nicht einfach?
Mehr zum Thema: Stoßwellentherapie in unserer Praxis und Fachgesellschaft DIGEST
Die Autoren
Dr. med. Thomas Hubrich ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und führt die Praxis OrthoDoc Saarburg. Die Praxis arbeitet konservativ, Dr. Hubrich operiert selbst nicht. Tätigkeitsschwerpunkt: Stoßwellentherapie (DIGEST e.V.). Grundlage ist das 2022 erworbene Zertifikat „Fachkunde Stoßwellentherapie“ der Deutschsprachigen Internationalen Gesellschaft für Extrakorporale Stoßwellentherapie; es ist keine von der Ärztekammer verliehene Qualifikation. Die Praxis hat außerdem einen Schwerpunkt in der Bewegungsmedizin.
Dr. rer. med. Florian Beaudouin ist Sportwissenschaftler und kein Arzt. Er leitet bei OrthoDoc Saarburg die Bewegungs- und Trainingstherapie, immer in Einzelbetreuung.